Il volo – La Baracca
Sträflich vernachlässigt habe ich die Inszenierung der Italiener auf dem Symposium Wechselspiele. Mag das daran liegen, dass sie erst Montag in Hamm spielten und somit außerhalb des Symposiums? Mit Ihrer Geschichte, die dem Ikarus vom Lautertal Gustav Mesmer gewidmet war, behandelten die zwei Spieler den Traum, etwas zu erreichen – China und den immer währenden Kampf dafür – mit einem Bombast an Material, einer Schlacht der Requisiten. Ein zutiefst kapitalistischer Kampf eines Pursuit of Happiness und des Fortschritts durch harte Arbeit mag man meinen, dabei ging es nicht um Wertschöpfung, sondern um die Erfüllung von Träumen.
Die Requisitenschlacht erwähnte ich bereits, das Gesamte verstärkend kamen so viele Licht und Farbwechsel (zumindest Scheinwerfergesteuerte) zum Einsatz wie auch die Musik sich dem Prinzip Masse (statt Klasse?) unterwarf. Aus keinem anderem Stück auf dem Festival ging ich so zwiegespalten heraus wie aus diesem – einerseits begeistert von der Spielfreude und den verschieden Umgangsweise mit dem Material – das Experimentieren mit einem alten Bett, die Umbauten der Flugmaschinen usw. andererseits distanziert durch deren übermäßigen Einsatz und der Slapstick-haften Spielweise. Das Beine-Zittern des Gustavo war spätestens nach dem zweiten Mal zum Theaterwandanschauen oder Schweinwerferzählen! Auch der Schlag-auf den-Kopf-Dong-Effekt fiel unter den Bereich Effekthascherei. Die Effekte allerdings kamen beim Publikum an und zogen Lacher nach sich – und hier hake ich nun die Frage des Wechselspiels ein. Ist es ein gelungenes Wechselspiel, wenn das Publikum lacht? Ich meine ja, und ich meine nein. Zum einen ist es das klare Signal: Verstanden, Witz funktioniert. Aber zum anderen kann Witz, der nur auf einen kurzen Affekt aus ist, nichts Nachhaltiges schaffen. Kein Weiter-Denken, wie ich finde.
Vorgestern in Seminar zur Hamburgischen Dramaturgie (Lessing- Furcht und Mitleid – Reinigung) stritten wir darüber, ob weinen im Publikum durch ein Bühnenstück gleichzeitig Reinigung bedeutet. Ich sehe die Diskussion analog zu meiner Frage an das Stück – was für ein Wechselspiel wollen wir? Soll die Bühne einzig den Zuschauer bedingen – Bühnengeschehen führt zu Lachen – Weinen oder soll es eine Wechselwirkung sein zwischen Bühnengeschehen und Theaterraumgeschehen?
Besonders muss das Kinder und Jugendtheater dieser Frage nachgehen! Es ist spät, deshalb hier Stopp. Bald mehr zum Thema Wechselspiele!