Moi Seul: Brüderlichkeit zwischen Menschen, Bruderschaft mit der Technik?
Eine Frage, die mich beschäftigt, ist die Art und Weise wie mit Technik, im folgenden auch unter Digitalität in diesem Text zu finden, auf der Bühne umgesetzt und umgegangen wird. Beispielsweise Licht: Seit dem elisabethanischen Theater, in dem beispielsweise im berühmten Globe Theatre größtenteils mit natürlichen Licht gearbeitet wurde/werden musste (ab und an gab es Kerzen) hat sich über das bürgerliche Theater mit der Guckkastenbühne bis hin zur Postdramatik dieser Zeit eine schleichende ins allgemeine übertragbare Technisierung, analog zu der gesellschaftlichen, auch im Theater durchgesetzt. Das sich dementsprechend auch Gegenbewegungen ergeben sieht man beispielsweise in einer anderen Kunstform, dem Film, dessen Umgang mit Technik noch um einiges brisanter ist als jener im Theater.
(vgl. hierzu Dogma 95: http://www.35millimeter.de/inhalte/quellentexte.php?id=6 oder auch http://www.35millimeter.de/filmgeschichte/daenischer-film/1995/dogma-95.144.htm )
So natürlich wie Licht und Ton und Video und Projektion heutzutage in vielen Inszenierungen eingesetzt werden, muss dennoch kritisch hinterfragt werden, welche Entscheidungen begründet dazu geführt haben und ob sich die Inszenierung der Frage des Digitalen selbst stellt. Denn reine Möglichkeit, Digitales zu nutzen, führt nicht gleichzeitig zu einer Aufwertung des Gezeigten. Bleibt der Technikeinsatz dem Bühnengeschehen fremd, so kann hier kein Wechselspiel gelingen. Zwischen Mensch und Maschine muss eine Ebene des Bedeutungsaustausches und des gegenseitigen Bedingens hergestellt werden.
In Moi Seul, einem Stück inszeniert und realisiert von Laurent Dupont, wird mit hohem technischen Aufwand die Frage der Brüderlichkit verhandelt. Brüderlichkeit unter den Brüdern, Männern, als wär es eine spezifisch männliche Frage. Drei Männer spielen das Stück, ein Digital-Designer, zwei Tänzer. “Ich leuchte” sagt der erste Tänzer, “Ich bin” der Zweite, der Digital-Designer sagt: “Ich weiß!”
Besonders an der Produktion ist die Transparenz, mit der die Frage der Technik verhandelt wird. Allein durch die Entscheidung, die Technik mit auf die Bühne zu nehmen (zwar leicht am Rand, aber dennoch im Sichtbaren) trägt dazu bei. So entsteht aber auch die Projektion während des Stücks am Laptop im Wechselspiel mit den Tänzern, und die Stimme wird live verzerrt. Die Grenzen hingegen setzt die Musik von CD und das Licht. Diese Transparenz ist es, die Theater ganz entscheidend von anderen Kunstformen wie Film und Malerei. Beispiel: Moderner Film. Er versteckt seine technischen Kniffe im Schneideraum und/oder am Computer. Die DVD ermöglicht dann, dank der immer breiteren Ausstattung des Bonus-Materials, einen Blick hinter die Kulissen. Aber – erst im Nachhinein, nach der Produktion.
Die Lebendigkeit, die der Theaterbesucher sehen kann, nämlich das auf der Bühne genau vor seiner Nase und seinen schauenden Augen lebendiges geboren wird, kann Film nicht leisten. Lebendigkeit auf der Bühne unterscheidet sich von Lebendigkeit im Film – da es mit der Reproduzierbarkeit auf der Bühne eben so eine Sache ist. Denn auch bei eingespielten Inszenierungen ist jede Insezierung flüchtig und einzigartig – während ein Film tausendfach gleich ist. Eine Kopie einer Kopie einer Kopie.
Zu Kurz gekommen ist das spannende Stück, ich bitte um Entschuldigung. Das ambivalente Wechselspiel der Lebendigkeit des Spielers und der Lebendigkeit des Publikums müsste auch noch betrachtet werden. Also bitte, wie sagte Gerd Taube in seiner Zusammenfassung, die eher Ausblick war: WeiterDenken!