S’Bersiäneli und die verstrickte Zeit – Eine Schweizerin nah
Ich begrüße dich, euch, sie, es, die Luft und die Mücken. Wie sagen wir hallo, willkommen im Zusammenhang des Theaterbesuchs? Und: wie wird ein neues Objekt auf der Bühne für Kinder und Jugendliche eingeführt? Darum soll es im folgenden gehen. Über die Begrüßung vor einem Stück, im Theaterfoyer beispielsweise, wurde auf dem Symposium Wechselspiele viel gesprochen. Weniger um die Begrüßung auf der Bühne und das Einführen von Objekten auf der Bühne. Was schade war!
Margrit Gysin mit ihrem Stück S’Bersiäneli wählt eine besondere Form der Begrüßung, die im Festival heraussticht. Es präsentiert zuerst nur einen thronhaften Stuhl auf der Bühne und ein von der Decke hängender kleiner Spiegel. Anders als bei den anderen gezeigten Stücken befindet sich kein Spieler bereits auf der Bühne, wenn die Besucher in den Theatersaal kommen. Kein Spieler meint: nicht einmal die Andeutung eines Spielers. Es gibt also -? Endlich ?-, möchte man beinah sagen, einen Auftritt! Dessen Gestaltung ist im Stück um die verstrickte Zeit intim. Die Spielerin spaziert langsam nah vor den aufgereihten Zuschauer und beginnt mit ihrer Geschichte, einem Märchen aus der Schweiz. Und während sie erzählt, strickt sie die Welt – und verstrickt anwesende Zuschauer gleich mit. Hierfür spricht sie die Kinder gezielt an, es gibt also von Beginn an eine direkte Ansprache und ein Wechselspiel der Worte, wobei allerdings der Spielersprachanteil um ein vielfaches höher liegt als der Zuschauersprachanteil.
Das besondere Spiel Margrit Gysins schafft, mit Ruhe und Vertrauen, ein Gemeinschaftsgefühl, des gemeinschaftlichen Erlebens. Theater ist ja eben so spannend, weil viele Menschen gemeinsam etwas einzigartiges Erleben. Weil es sich eben vor den Augen der Zuschauer konstituiert, entwickelt, geschieht, passiert und nur durch seine Augen existent wird.
Aufgrund der Spielerinpräsenz reagieren die Kinder mit Sprache. Dennoch bleibt zu konstatieren, das im gesamten Stück die Wortmeldungen der Kinder einen rein Appellativen Charakter haben. Sie werden aufgerufen zu sprechen – sie sprechen nicht von allein. Es gilt also eine klare Struktur, feste Regeln in diesem Wechselspiel. Ob hier nun eine Frage der Herrschaft, wie sie Schule in der Lehrer-Schüler Konstellation repräsentativ gestaltet, gestellt werden muss, lasse ich gezielt zum Weiterdenken offen.
Zur Einführung von Objekten möchte ich zwei generelle Unterschiede festhalten.
Erstens die Einführung eines völlig neuen Objekts auf der Bühne
Zweitens die Einführung weiteren Eigenschaften bereits eingeführter Objekte
In Margrit Gysins Stück möchte ich meine Überlegungen anhand des Hutes verdeutlichen. Der Hut ist von Beginn an auf der Bühne – nur nicht sichtbar. Als er dann aus dem Hut gezaubert wird, ist es eine große Überraschung, ein sehr abrupter Auftritt für die Spielfläche Hut. Diese Einführung durch Überraschung lässt sich in vielen Kinder und Jugendtheaterstücken finden. Vorteil dieser Einführung ist die fixierte und konzentrierte Aufmerksamkeit in dem Einführungsmoment auf das neue Objekt. Nachteil ist ein möglicherweise eintretendendes Erschrecken und Verschrecken der jungen Zuschauer.
Der grüne Hut wird zu einer Art Wiese – Spielfläche für das Puppenspiel. Dabei nutze die Spielerin bereits vorhandene, also mit der Einführung des Hutes aufgetauchte Puppen, fügt eine weitere Puppe neu hinzu. Schön sichtbar wird die Vielseitigkeit des eingeführten Objekts (jeder Besucher wird sich an die brechende Puppe erinnern). Was die Einführung weiterer Eigenschaften betrifft, gibt es demnach wohl zwei Arten der Erweiterung: Zum einen die Vermischung mit anderen Objekten des Spiels (neueingeführt oder bereits eingeführt), die Erweiterung von außen, und die immanente Erweiterung, die Erweiterung aus dem Objekt selbst heraus durch Umdeutung seiner Eigenschaften. Das sollte genügen.